Wenn Stillen traurig macht

Kennst du das? Du legst dein Kind an und sofort bildet sich ein dicker Kloß im Hals. Eben war noch alles ok und du hast innerlich gestrahlt, als dich dein Baby angesehen hat. Doch plötzlich breitet sich da eine Schwere in dir aus, die dir den Magen zuschnürt. Du hast möglicherweise Angst- oder Schuldgefühle, fühlst eine Traurigkeit, die du dir nicht erklären kannst, machst dir Sorgen oder wirst sogar wütend. Du hast keine Ahnung, was auf einmal mit dir los ist, denn eigentlich geht es dir ja gut und du kannst die Zeit mit deinem Baby genießen und fühlst normalerweise viel Freude und Liebe im Zusammenhang mit deiner neuen Mutterrolle. Und so schnell wie er gekommen ist, ist dieser Spuk oft auch wieder vorbei und du fühlst dich wieder „normal“ in deiner Haut.


Hast du schon mal etwas von D-MER gehört? 


Unter D-MER (engl. Dysphoric Milk Ejection Reflex, dt. Dysphorischer Milchspendereflex) versteht man das Aufkommen genau solcher Gefühle kurz (etwa 30-90 Sekunden) vor dem Milchspendereflex, unabhängig davon, ob der MSR durch Stillen, Abpumpen oder ganz spontan erfolgt.

„Dysphorie“ ist ein medizinischer Begriff und bedeutet laut Duden eine „Störung des emotionalen Erlebens [ohne Krankheitswert]; ängstlich-bedrückte, traurige, mit Gereiztheit einhergehende Stimmungslage“. [1]

In den meisten Fällen klingen diese Gefühle nach sehr kurzer Zeit wieder ab, in seltenen Fällen können sie aber die gesamte Stillmahlzeit anhalten. Während einer Stillmahlzeit nimmt die Intensität der schweren Gefühle meist bei jedem MSR ab – jedoch leider nicht immer.

 

Ist D-MER also eine psychische Erkrankung?

 

Nein. D-MER ist keine psychologische, sondern eine physiologische, hormonelle Reaktion. Oft wird D-MER mit einer Postnatalen Depression verwechselt. Natürlich kann es vorkommen, dass beides gleichzeitig auftritt. Bist du aber im Allgemeinen fröhlich und positiv gestimmt und fühlst diese schweren Gefühle ausschließlich kurz vor oder während dem Stillen bzw. dem Milchspendereflex, leidest du wahrscheinlich unter D-MER.

 

Wodurch wird D-MER ausgelöst?

 

Die IBCLC-Stillberaterin Alia Macrina Heise hat, selbst betroffen, 2008 begonnen, sich intensiv mit diesem Thema auseinander zu setzen. Gemeinsam mit IBCLC-Stillberaterin Diane Wiessinger und Experten auf dem Gebiet der Hormone hat sie sich mit verschiedenen Auslöser-Möglichkeiten beschäftigt.[2]

Leider gibt es bis zum jetzigen Zeitpunkt noch keine evidenzbasierten Studien zu diesem Thema. Es gibt allerdings Fallstudien, die sich mit individuellen Erfahrungen von Müttern beschäftigen.[3][4][5]

Eine kleine Studie zur Verbreitung von D-MER von 2019 zeigt eine Prävalenz, also eine Häufigkeit von 9,1%. [6]

 

Laut aktuellem Stand der Forschung gibt es zwei „verdächtige“ Hormone, die in Zusammenhang mit dem Auftreten von D-MER stehen könnten: Oxytocin und Dopamin. Der derzeit wahrscheinlichste Auslöser ist allerdings Dopamin.

 

Was hat Dopamin mit dem Milchspendereflex zu tun?

 

Bei der Milchbildung und dem Auslösen des MSR spielen mehrere Hormone eine wichtige Rolle:

  • Prolaktin ist für die Milchbildung verantwortlich, da es für die Reifung der milchbildenden Zellen sorgt. Bei jeder Stillmahlzeit steigt der Prolaktinspiegel an und signalisiert den Zellen, dass mehr Milch produziert werden soll.
  • Oxytocin wird auch als „Kuschelhormon“ oder „Wohlfühlhormon“ bezeichnet. Beim Stillen wird dem Gehirn signalisiert, dass es Oxytocin ausschütten soll. Dieses löst dann den Milchspendereflex aus, indem die Muskelzellen rund um die milchbildenden Zellen angespannt werden.
  • Dopamin hemmt die Ausschüttung von Prolaktin und somit die Milchbildung. Beim Stillen wird der Dopaminspiegel gesenkt, damit das Prolaktin und somit auch die Milchbildung nicht gehemmt werden.

 

Man geht nun derzeit davon aus, dass D-MER bei Frauen, deren Dopaminspiegel zu schnell oder zu tief abfällt, ausgelöst werden könnte. Dopamin wird im Volksmund als „Glückshormon“ bezeichnet und ist für seine Wirkung zur Antriebssteigerung und Motivation bekannt. Bis es aber evidenzbasierte Studien zu diesem noch relativ neuen Thema gibt, ist auch das nur eine von mehreren Theorien.

 

Was kann ich als betroffene Mama konkret tun?

 

Wenn man nun davon ausgeht, dass ein zu schnell oder zu tief abfallender Dopaminspiegel die schweren Gefühle und somit den D-MER auslöst, dann ist alles ratsam, was den Dopaminspiegel erhöht bzw. reguliert.

Oft erleichtert betroffenen Frauen schon das Wissen darüber, was hinter diesen plötzlich beim Stillen auftretenden Stimmungsschwankungen steckt und dass sie mit diesem Problem nicht alleine sind. Sie können diese meist sehr kurzen Episoden dann viel besser meistern.

Manchen Frauen hilft es auch, ein D-MER Tagebuch zu schreiben, in dem sie notieren, was ihnen hilft und was das Problem verschlechtert.

 

Grundsätzlich hat man durch Erfahrung und Fallstudien aber einige erleichternde und erschwerende Faktoren herausgefunden, die jede Frau allerdings für sich selbst herausfinden muss. Da diese nebenwirkungsfrei sind, kann man sie auch guten Gewissens selbst testen.

 

Faktoren, die D-MER erleichtern können [7] 

  • Selbstfürsorge
  • Trinken von (Eis-)Wasser
  • Ablenkung
  • Achtsamkeitstraining, Entspannungs- & Atemtechniken        
  • Psychologische Beratung
  • Informiert sein & bleiben  
  • Allein sein beim Stillen      
  • Aromatherapie (nur in Absprache mit einer Fachkraft für Aromatherapie)
  • Wege den Dopamin-Level zu unterstützen (z.B. Yoga, Yoga Nidra, Meditation, Sport, Akkupunktur, viel Sonnenlicht, spezielle Ernährung in Absprache mit ErnährungsberaterIn)[8][9]

 

Faktoren, die D-MER verschlimmern können [10] 

  • Pumpen                  
  • Unerfüllte physische Bedürfnisse/fehlende Selbstfürsorge  
  • Nacht            
  • Koffein (sowohl ein Zuviel an Koffein als auch eine starke Reduktion des bisherigen Koffeinkonsums)
  • Reduktion von Zucker, z. B. bei Diäten (dennoch auf gesunde Ernährung achten)
  • Nicht-Ernstgenommen-Werden & Isolation      
  • Medikamente          
  • Andere zusätzliche emotionale Herausforderungen

 

Alle genannten Faktoren sind individuell und müssen von jeder betroffenen Frau für sich selbst herausgefunden werden. Dennoch geben sie einen guten Anhaltspunkt.


Da die wissenschaftliche Forschung bezüglich D-MER noch in den Kinderschuhen steckt und auch kein breites Wissen unter Müttern und Fachpersonen herrscht, ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, die bisherigen Erkenntnisse zu teilen um mehr Bewusstsein für dieses Phänomen zu schaffen.

Ich freue mich daher, wenn auch du diesen Blog-Artikel teilst und damit betroffenen Müttern zeigst, dass sie mit ihrem „Problem“ nicht alleine dastehen.

 

Falls du selbst von D-MER betroffen bist, freue ich mich, wenn du deine persönlichen Erfahrungen mit mir teilen möchtest. Verschiedene Erfahrungen helfen auch mir weiter zu lernen und Mamas in einer Stillberatung gezielter helfen und ggf. weiterverweisen zu können.

Vielen Dank für deine Unterstützung!

 

Weiterführende Informationen findest du unter anderem hier:

 

Quellen:
[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Dysphorie
[2] https://www.llli.org/what-is-d-mer/
[3] A case of dysphoric milk ejection reflex (D-MER).
Cox S. Breastfeed Rev. 2010 Mar;18(1):16-8.
[4] Dysphoric milk ejection reflex: A case report.
Heise AM, Wiessinger D. Int Breastfeed J. 2011 Jun 6;6(1):6. 6.
[5] Dysphoric Milk Ejection Reflex: A Case Series.
Ureño TL, Buchheit TL, Hopkinson SG, Berry-Cabán CS. Breastfeed Med. 2018 Jan/Feb;13(1):85-88.
[6] Dysphoric Milk Ejection Reflex: A Descriptive Study.
Ureño TL, Berry-Cabán CS, Adams A, Buchheit TL, Hopkinson SG. Breastfeed Med. 2019 Nov;14(9):666-673.
[7] https://www.d-mer.info/d-mer/d-mer-abmildern/
[8] Increased dopamine tone during meditation-induced change of consciousness.
Kjaer TW, Bertelsen C, Piccini P, Brooks D, Alving J, Lou HC. Brain Res Cogn Brain Res. 2002 Apr;13(2):255-9.
[9] The neural basis of the complex mental task of meditation: neurotransmitter and neurochemical considerations.
Newberg AB, Iversen J. Med Hypotheses. 2003 Aug; 61(2):282-91.
[10] https://www.d-mer.info/d-mer/was-d-mer-verstarken-kann/